Des Sängers Fluch
(Bearbeitet von Richard Pohl)
1.
Erzählerin (Alt)
Es stand in alten Zeiten
Ein Schloß so hoch und hehr;
Wie glänzt es über die Lande
bis an das blaue Meer;
Und rings von duft’gen Gärten
Ein blüthereicher Kranz:
Drin sprangen frische Brunnen
In Regenbogenglanz.
Dort saß ein stolzer König,
An Land und Siegen reich;
Er saß auf seinem Throne
So finster und so bleich:
Denn was er sinnt, ist Schrecken,
Und was er blickt, ist Wuth,
Und was er spricht, ist Geißel,
Und was er schreckt, ist Blut.
Einst zog nach diesem Schloße
Ein edles Sängerpaar,
Der Alte mit der Harfe,
Er sitzt auf schmuckem Roß,
Ihm schreitet frisch zur Seite
Der blühende Genoß.
2.
Harfner
Die Stunde ist gekommen!
Nun sei bereit, mein Sohn!
Denk’ uns’rer tiefsten Lieder,
Stimm’an den vollsten Ton!
Nimm all Kraft zusammen,
Die Lust und auch den Schmerz!
Es gibt uns heut’ zu rühren
Des Königs steinern Herz.
Jüngling
Wie kann ein Herz ich rühren
Mit meiner Lieder Klang,
Wohin mit Frühlingswehen
Die Liebe nimmer drang!
Ich sang wohl oft mit Zagen,
Doch nie mit tieferm Schmerz,
Und nimmer war so finster,
So bange mir um’s Herz.
Harfner
Mein Kind, was soll das Zagen!
Mein Sohn, was fürchtest du?
Beschwort mit deiner Harf
Doch manchen Sturm zur Ruh’.
Mein Kind, den eignen Gram vergessend,
Blick’ auf zur Königin.
Entrißen ihrer Heimath,
Welkt auf dem Thron sie hin.
Jüngling
Ihr mahnt recht,
Ich kenne wohl ihr Leid,
Das klingt so bang herüber
Aus uns’rer Jugendzeit!
Dahin die sel’gen Träume,
Mich faßt ein tiefes Weh,
Da sich die Stunde nahet,
Wo ich sie wieder seh’!
3.
Erzählerin
Schon steh’n die beiden Sänger
Im hohen Säulenssaal,
und auf dem Throne sitzen
Der König und sein Gemahl:
Der König furchtbar prächtig
Wie blut’ger Nordlichtschein,
Die Königin süß und milde,
Als blickte Vollmond drein.
König (mit trotzigem Ausdruck)
Wir haben euch beschieden
Aus der Provencen Thal,
Daß eure Kunst ihr probet
Vor meinem hohen Gemahl;
Der Sang ist nicht für Männer,
Sie hat nach euch begehrt;
Singt eure besten Lieder,
Daß ihr sie würdig ehrt!
Harfner
Ich sang in vor’gen Tagen
Der Lieder mancherlei,
Von alten frommen Sagen,
Von Minne, Wein und Mai.
Nun hab’ ich ausgesungen,
Ein Jüng’rer stehet hier,
Singt uns’res Volkes Lieder
Mit hell’rem Klange dir.
Königin
Tritt zu des Thornes Schwelle!
Willkommen hier zu Land!
Laß tönen deine Harfe
Mit kunstgeübter Hand!
(für sich)
Ich will den Sängern lauschen,
Die ich so lang entbehrt,
Daß sie im Traum mich führen
Zu meiner Heimath Heerd.
König
Beginnt nun!
4. Provençalisches Lied
Jüngling (mit Anmuth)
In den Thalen der Provence
Ist der Minnesang entsprossen,
Kind des Frühlings und der Minne,
Holder, inniger Genossen.
Blüthenglanz und süße Stimme
Konnt’an ihm den Vater zeigen,
Herzensgluth und tiefes Schmachten
War ihm von der Mutter eigen.
Selige Provencer Thaler,
Üppig blühend war’t ihr immer.
Aber eure reichste Blüthe
Ist des Minneliedes Schimmer.
Jene tapfern, schmucken Ritter,
Welch’ ein edler Sängerorden!
Jene hochbeglückten Damen,
Wie sie schön gefeiert worden!
Sängerliebe, hoch und herrlich,
Dich will ich in heitern Bildern
Aus den Tagen des Gesang’s,
Aus der Zeit der Minne schildern!
5.
Chor
Wie schlägt der Greis die Saiten
So wundervoll und mild,
Daß reicher, immer reicher
Der Klang zum Ohre schwillt!
Es strömet himmlisch helle
Des Jünglings Stimme vor,
Der Harfe Sang dazwischen
wWe ferner Geisterchor.
6.
König
Genug des Frühlings und der Lust!
Ein bes’res Lied stimmt an,
Ein Lied, das eines Mannes Brust
Mit Schauer füllen kann.
Eine Sage singt aus der alten Zeit,
Wo nur das Schwert entscheid,
Wo Blut vergolten ward mit Blut,
Das ist mir das schönste Lied.
Harfner
Wohl hört’ ich solche blut’ge Mähr,
Aus Meister Ludwigs Mund,
Als wir durch Schwaben zogen her, –
Ihr wollt! ich thu’ sie kund:
7. “Ballade”
Harfner (mit grosser Kraft)
In der hohen Hall’ saß König Sifrid:
“Ihr Harfner, we weiß mir das schönste Lied?”
Und ein Jüngling trat aus der Schaar behende,
Die Harf’ in der Hand, das Schwert an der Lende:
“Drei Lieder weiß ich; den ersten Sang,
Den hast du ja wohl vergesen schon lang:
Meinen Bruder hast du meuchlings erstochen,
Und aber: hast ihn meuchlings estochen!
Das and’re Lied, das hab’ ich erdacht
In einer finstern, stürmischen Nacht:
Mußt mit mir fechten auf Leben und Sterben,
Und aber: mußt auf Leben und Sterben!”
Da lehnt er die Harfe an den Tisch,
Und sie zogen beide die Schwerter frisch,
Und sie fechten lange mit wildem Schalle,
bis der König sank in der hohen Halle.
“Nun sing’ ich das dritte, das schönste Lied,
Das wer’ ich nimmer zu singen müd’:
König Sifrid liegt in seinem rothen Blut,
Und aber: lieget In seinem rothen Blut,
König (fur sich)
Wer ist der Harfner? Die heimlische That
Hat keiner gese’n, das Lied ist Verrath!
Chor
Das schallt wie Rache! Das klingt wie Blut!
Der König erblaßte, das endet nicht gut!
8.
Königin
Nicht diese wilden, blut’gen Lieder,
Sie trüben nur den frohen Blick!
Senkt euren Flug zur Erde wieder,
Kehrt zu den Lebenden zurück!
Zu Sang und Spiel sind wir vereint,
Vom Hauch des Grabes keine Spur!
Die Wahrheit, die ihr meinet,
Lebt ja in eurem Lieder nur!
Auf! singet schöner Thaten Lohn,
Wie’s edlen barden ziemt!
Ein Lied, das Mannestugend preist,
Das Vaterland uns rühmt!
Chor
Der Männer Preis, der Helden Ruhm,
Der Krieger Schlachtgesang:
Das ist das wahre Sängerthum,
Das ist das echte Klang!
Jüngling
Wohlan, es sei! Sie hat geboten
Und ihrem Dienst sind wir bereit.
Stimm’an die deutsche Hymne,
Ein Freiheitslied aus schöner Zeit!
9.
Jüngling und Härfner (mit Begeisterung)
Den Frühling kundet
Der Orkane Sausen,
Der Heere Vorschritt
Macht die Erde dröhren,
Und wie die Ströme
Aus ihren Ufern brausen,
So wogt es weit
Von Deutschlands Heldesöhnen.
Der Sänger folgt durch
Alles wilde Grausen,
Läßt’ Sturm und Wogen
Gleich sein Lied ertönen.
Ob Donner rollen,
Ob Orkane wüthen,
Es wachsen frisch
Der jungen Freiheit Blüthen!
Wenn “Freiheit! Vaterland!”
Ringsum erschallet,
Kein Song tönt schöner
In der Männer Ohren;
Im Kampfe, wo solch heilig
Banner wallet,
Hat sich der Mann
Das schönste Loos erkoren.
Dem Volke Heil,
Wo dieses Lied erschallet!
Dem Helden Preis,
Der diesem Volk geboren!
Bald blüht der Frühling,
Bald der goldne Friede
Mit mildern Lüften
Und mit sanfterm Liede!
Chor
Nicht schamroth weichen
Soll der Sängerorden,
Wenn Kriegerscharen
Zieh’n im Glanze;
Noch ist sein Lied
Kein schnödes Spiel geworden,
Schmückt mit dem Schwert ihn,
Mit dem Lorbeerkranze.
König (für sich)
Hier droth Verrath!
Königin (für sich)
Willst du auf’s Neu’ dich offenbaren,
Du mein geliebtes Heimaththal?
Wie in den sel’gen Jugendjahren
Erscheinst du heute noch einmal.
Chor
Es glänzen seine Lieder
Wie Blumen rings um ihn,
Die Herrin hat Gefallen
Am jugendlichen Spiel.
So laßt uns dankbar krönen
Mit lichten Blumen ihn,
Laßt ihm ein Lied ertönen,
Dem alle Herzen glüh’n!
10.
König
Kamt ihr hier her, mit euren Lieder
Aufruhr zu bringen unserm Thron?
Cor
Auf’s neu’ erwacht des Königs Zorn!
Königin (bittend)
O deutet’s nicht so streng,
Die Sänger ehrten nur den Meister,
Der dieses Lied erdacht.
König
Hinweg! Hinweg!
Königin
Doch eh’ sie ziehn,
Des einen Wunsch gewährt mir noch,
Ein Lied zu hören,
Mir lieb aus früher Jugendzeit,
“Entsagung” war’s gennant; (zu dem Jüngling;)
Gewiß, du Sänger, kennst das Lied!
König (arglistig)
Singt denn und setzt eure Worte gut,
Daß euch belohne meine Hand.
Chor
Er wagt’s! Des Königs Lippen im Lächeln beben,
O dürft’ ich warnen das junge Blut!
Königin (für sich)
Musik, wohl brauchet es solcher Stunden,
So heilig und so zaubervoll,
Wenn dieses arme Herz gesunden,
Das welkende genesen soll!
König
Fangt an!
11.
Jüngling
(mit Innigkeit und steigendem Ausdruck)
Lausche, Jungfrau, aus der Höhe
Einem Liede, dir geweiht,
Daß ein Traum dich lind umwehe
Aus der Kindheit Rosenzeit.
Von der kerzenhellen Saale,
Wo du throntest, blieb ich fern.
Wo um dich beim reichen Mahle
Freudig saßen edle Herrn.
Mit der Freude nur vertraut,
Hätten Frohes sie begehrt,
Nicht der Liebe Klagelaut,
Nit der Kindheit Recht geehrt.
Königin und Jüngling
Ja! Zeite ist hingeflogen,
Die Erinn’rung weichet nie;
Als ein lichter Regenbogen
Steht auf trüben Wolken sie!
Harfner
Was hör’ ich! sie vergessen
sich beide in dem Lied,
Der König zornerbrannt
nach seinem Schwerte greift!
Jüngling
Sage das nur, ob dein Herz
Noch der Kindheit Lust empfinde?
Königin
Und es schwieg der Sohn der Lieder,
Der am Fuß des Thurmes saß;
Und vom Fenster klang er nieder,
Und es glänzt im dunklen Gras:
“Nimm den Ring und denke mein,
Denk’an uns’rer Kindheit Schöne!
Nimm ihn hin! ein Edelstein
Glänzt darauf und eine Thräne!”
Jungling (sich vergessend)
In Liebesarmen ruht ihr trunken,
Des Lebens Früchte winken euch;
Ein Blick nur ist auf mich gesunken,
Doch bin ich nur euch allen reich!
Das Glück der Erde miß’ ich gern,
Und blick’, ein Märtyrer, hinan,
Denn über mir in goldner Ferne
Hat sich der Himmel aufgethan!
König (wüthend)
Mein Volk habt ihr verführt,
Verlockt ihr nun mein Weib?
Stirb, feiger Sklavensohn!
Königin
Ach! Weh!
Chor
Weh! Hin sank sein blut’ger Leib!
12.
Erzählerin
Und wie vom Sturm zerstorben
Ist all, der Hörer Schwarm.
Der Jüngling hat verröchelt
In seines Meisters Arm:
Der schlägt um ihn den Mantel
Und setzt ihn auf das Roß;
Er blind’t ihn aufrecht feste,
Verläßt mit ihm das Schloß.
Doch vor dem hohen Thore
Da hält der Sängergreis,
Da faßt er seine Harfe,
Sie aller Harfen Preis:
An einer Marmorsäule
Da hat er sie zerschellt;
Dann ruft er, daß es schaurig
Durch Schloß und Garten gellt:
13.
Harfner
Weh euch, ihr stolzen Hallen!
Nie töne süßer Klang
Durch eure Räume wieder,
Nie Saite noch Gesang,
Nein, Seufzer nur und Stöhnen
Und scheuer Sklavenschritt,
Bis euch zu Schutt und Moder
Der Reichgeist zertritt!
Weh euch! Ihr duft’ge Gärten
Im holden Maienlicht!
Euch zeig’ ich dieses
Todten Angesicht,
Daß ihr darob verdorret,
Daß jeder Quell versiegt,
Daß ihr in Künft’gen Tagen
Versteint, verödet liegt!
Weh dir! verruchter Mörder!
Du fluch des Sängerthums!
Umsonst sei all’ dein Ringen
Nach Kränzen blut’gen Ruhms:
Dein Name sei vergessen,
In ew’ge Nacht getaucht,
Sie wie ein letztes Röcheln
In leere Luft verhaucht!
14.
Chor
Der Alte hat’s gerufen,
Der Himmel hat’s gehört:
Die Mauern liegen nieder,
Die Hallen sind zertört;
Noch eine hohe Säule
Zeugt von verschwundner Pracht:
Auch diese, schon geborsten,
Kann stürzen über Nacht.
Und sings statt duft’ger Gärten,
Ein ödes Haideland:
Kein Baum verstreuet Schatten,
Kein Quell durchdringt den Sand;
Des Königs Namen meldet
Kein Lied, kein Heldenbuch:
Versunken und vergessen.
Das ist des Sängers Fluch.